Lichtenbergs Musik

Nun ist es eine ganze Weile her, aber immer wieder kreisen meine Gedanken um jenen Tag im Spätsommer, den ich in Kopenhagen verbrachte.

Morgens noch Nebel, wurde es am Nachmittag recht angenehm und ich ging ziellos durch die Stadt. Am Nyhavn suchte ich mir ein Gasthaus aus und nahm Platz an einem Tisch im Freien. Ich trank einen Kaffee, der gewöhnungsbedürftig miserabel war und vertiefte mich schnell in einen fesselnden Krimi von Jussi Adler-Olsen.

Plötzlich schrak ich regelrecht auf, als ich eine Frau sah, die zwei Tische nebenan saß, ich hatte sie nicht kommen sehen, plötzlich war sie dort, ich ertappte mich dabei, wie ich sie fassungslos anstarrte. Das war mir sehr peinlich und ich dachte an Bucky, den Bäcker in unserem Ort, der, weil er ein unbelehrbarer Prolet ist, nicht Haus und Hof, jedoch seine Bäckerei verloren hatte. Immer zweideutige Sprüche, auch bei Facebook nur peinliche Posts, irgendwann wollte niemand mehr ein Brot

von ihm. Jedenfalls schämte ich mich für mein hemmungslose Glotzen und ich brachte nicht einmal ein Lächeln zustande.

Sie war so aufregend schön, und lächelte nun den Ertappten an, einen Schönheitsfleck über ihrer Lippe, spitzte sie selbige mehrfach, ganz als wolle sie einen Kuss andeuten, um sich dann jedoch dem soeben herbei gekommenen Kellner zu widmen. Ihre Bestellung schien mir, aufgrund des langen Erklärens nicht einfach zu sein. Vermutlich errötet, war ich bemüht, mich erneut dem Buche zuzuwenden, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen und schon wieder ruhte mein Blick auf jener Frau.

Sie sah so gar nicht aus, wie ich mir eine Dänin vorstellte, hatte dunkel-brünettes lockiges Haar und dunkle Augen. Eher eine Italienerin, überlegte ich, oder eine Nachfahrin jener Minderheit, die einst so mutig und selbstlos von den Dänen gerettet und vor den barbarischen Besatzern geschützt wurde.

 

Später, nicht wissend, ob das hier üblich ist schob ich einen Geldschein unter meine längst leere Tasse und sprang augenblicklich auf, denn sie hatte sich erhoben und sich dann im weggehen spielerisch nach mir umgedreht....warum? Wie ferngesteuert folgte ich ihr über eine Brücke zur andern Seite des Wassers. Dort erreichte sie im letzten Augenblick das sogleich ablegende gelbe Boot.

Ich zögerte einen Augenblick und verspielte so die Möglichkeit die Fähre ebenfalls noch erreichen zu können. Sie, genau wie ich, für die hiesigen Verhältnisse viel zu dünn gekleidet begann nun, zu meiner großen Verwunderung auf dem Deck des Bootes zu tanzen. Nicht nur ein paar, als Tanz deutbare Bewegungen, nein, sie führte, ein schwarzes Tuch, dass sie über ihren Schultern trug, in den Händen einen Tanz auf, der sehr anmutig aussah, mich unwissenden an einen Tango erinnerte.

 

Was war das? Und seit wann renne ich einer fremden Frau hinterher?

Sie setzte über, offensichtlich zu diesem modernen Gebäude, welches, so erfuhr ich später die Oper der Stadt ist. Was war mit mir los?

Hätte ich nicht zögern dürfen, das Boot erreichen müssen? Könnte sein, mein Leben wäre dann anders verlaufen, oder hätte ich mir womöglich nur eine Ohrfeige eingefangen?

Ich habe keine Antworten auf all diese Fragen. Aber wenn ich die Augen schließe sehe ich sie vor mir.......auch heute noch.....Jahre danach.....