Lichtenbergs Musik

Mühsam schälte ich mich aus meinen Träumen. Kam an in der Realität.

Sofort stellte sich ein Lächeln ein.

Was für ein Tag!

Was für ein außergewöhnliches Glück!

Nicht nur, dass ich diese bemerkenswerte Einladung für jenen Abend erhalten hatte, das Schicksal schenkte mir dazu noch die passende, zumindest jedoch präsentable Begleitung in Person von Frau Jedermann.

Jene war in diesen Tagen sehr begehrt, in besten Kreisen, denn neben ihrem entzückenden Äußeren konnte sie mit einer herausragenden Erziehung und einem einnehmenden Wesen aufwarten, aber vor allem durch ihre reizende lässige Art, die an Laszivität grenzte versetzte sie die Herren förmlich in eine Art von Trance – so erzählte man sich.

So verbrachte ich den Tag gemütlich, genüsslich und voller Vorfreude auf den Besuch im Salon des Herren Lichtenberg,

 

um dort dessen ausgesuchter Musik zu lauschen, besten Burgunder zu verkosten, den Honoratioren der Stadt die Hand zu schütteln und um danach, so es mir beschieden, die knackigen Äpfel der Frau Jedermann zu goutieren.

Als nun die siebte Stunde vom Kirchturm geschlagen wurde, begab ich mich mit einer Droschke zu erwähnter Dame.

Schon auf dem Weg zum musikalischen Spektakel fiel es mir nicht einfach meine Hände an den dafür vorgesehenen Stellen zu halten.

Am Hause Lichtenberg angekommen wurden wir freundlich herein gebeten und man kredenzte uns in der Halle den in der Region üblichen, hier aber fraglos deliziösen mit Liqueur de Mirabelle parfümierten Cremant. Lecker!

Der Gastgeber war derweil nicht auszumachen und so genoss ich die neidischen Blicke der anwesenden Herrschaften, die meiner Buhlschaft ansichtig wurden.

Etwas später verstummte das Grummeln, denn der Gastgeber höchstselbst stieß die Türen zum Salon auf und ließ sich mit einem lauten „bonsoir“ vernehmen.

Ich reichte Frau Jedermann galant den Arm und wir traten ein. Als Lichtenberg meiner Gefährtin die Hand reichte, glaubte ich in seinem Gesicht so etwas wie einen Hauch von Abscheu beobachten zu können. Kannte er sie? Mochte er sie nicht leiden?

Ich strebte, ob der diskreteren Position, einen der hinteren Sitzplätze an, doch Madame lenkte mich selbstbewusst zur ersten Reihe, wo wir schlussendlich Platz nahmen.

Nun, da alle saßen, führte Herr Lichtenberg aus, das er der festen Überzeugung sei, dass nichts besser zu dem ersten nun dargebotenen Werke passe als ein 82er Volnay „La Barre“, der uns nun vor der Aufführung von „Spürbar Bald“ eingeschenkt wurde. Darauf folgte das Stück „Dillingen“ welches laut dem Hausherren eines kräftigen, wenn auch nicht ganz so sublim erscheinenden Santenay „les Gravières“ von ´89 dringend bedarf.

So folgten weitere Kompositionen, stets von dem passenden Wein begleitet, was man sonst nur von respektablen Mahlzeiten her kennt. Unser Gastgeber überraschte nicht nur mich mit seiner außergewöhnlich geschmackvollen Darbietung.

Als nun das geplante Programm vorgetragen war, das Publikum jedoch noch nach mehr verlangte fragte Herr Lichtenberg in die Runde, welches Stück man nun zu hören begehre.

Darauf hin meldete sich Frau Jedermann zu Wort und sagte: „Spielt doch was vom Maestro Malvagio Zio“

Zwar war mir dieser Tonsetzer bis just nicht bekannt, aber ein Blick in die illustre Runde - die einsetzende Stille – das war eindeutig ein unmöglicher Wunsch!

Das Schweigen, die Stille – wie peinlich! Doch fast wie eine Erlösung donnerte der Befehl, klein von Gestalt, aber keineswegs Größe ermangelnd schrie der Hausherr in einer Lautstärke, die man diesem kleinen Körper nie zugetraut hätte: „Hinaus!“

Frau Jedermann stand errötend auf, blickte verwirrt rechtslinks und machte Anstalten den Salon zu verlassen. „geht dort hin, wo es euch bestimmt!“ rief Lichtenberg weiter. Ich unklar, konnte keinen vernünftigen Gedanken fassen, dann siegte die gute Erziehung über den guten Geschmack und ich verließ mit der geächteten Dame gemeinsam den Raum. Lichtenberg, so ahnte ich, ist nichts für Jedermann.

Nun, so tröstete ich mich, bleibt nach diesem Fehlschlag wenigstens die Aussicht, wenn Frau Jedermanns geistiger Zustand sich auch auf geringem Niveau befindet, dennoch ihre fleischlichen Vorzüge zu genießen. Wenn dieser Tag sich schon zu diesem Ungemach entwickelt, möcht´ ich mich mit Beischlaf jetzt anästhesieren.

Endlich in den angestrebten Gemächern angekommen jedoch stellt sich heraus dass sich Frau Jedermann derzeit, durch eine heftige Migräne bedingt, nicht in der Lage sieht das in Aussicht gestellte Tête-à-Tête so wie geplant umzusetzen. Des Weiteren weist sie darauf hin, dass sie aufgrund eines Hüftleidens weder auf der Seite liegen, noch sich auf allen Vieren darbieten könne. Erschwerend komme hinzu, so führt sie aus, dass eines ihrer zweifellos luxuriös langen Beine sich im Zustand ständigem und starkem Schmerz befindet, was ihr die körperliche Liebe derzeit zu einer einzigen Qual werden lässt. Um letztlich das kleinste Flämmchen der Begierde zu löschen sagt sie: „Außerdem habe ich es erst gestern mit dem Herrn Kämmerer getan, möcht´euch nicht, weil ich euch wirklich mag, mit seinen Spuren konfrontieren.“

Wortlos nahm ich meinen Hut, wortlos ging ich aus der Tür, wortlos dachte ich: „ jetzt hinaus! Geh du, Frau Jedermann den Weg der dir bestimmt.“