Lichtenbergs Musik

 

 

„Die da“ sagte er und deutete mit dem Kinn auf eine unten vorbei gehende Frau, „habe ich letztens flach gelegt.“ „Alleinerziehend“ ergänzte er so, als würde das alles erklären.

 

Ich war bei einer Fortbildung und dieser seltsame Zeitgenosse gab hier den Referenten. Er kannte eine Art Fremdwort, und war darüber offenbar so zufrieden, dass er es in jeden zweiten Satz einbaute, beziehungsweise es dem Satz anfügte: „Das ist hier die Crux!“.

Zunächst verstand ich es nicht, 30 Jahre Rockmusik haben ihre Wirkung auf mein Hörvermögen gehabt. Also konzentrierte ich mich und führte gleichzeitig eine Stichliste wie oft er die mir unbekannte Redewendung gebrauchte. Die Fuchs? Die Kucks? Die Sucks? Beim siebzehnten Mal, war ich sicher: Krucks! Da der Referent, ein bulliger Mittvierziger, vorne hohe Stirn, das mit Salatöl gebändigte Resthaar zu einem Pferdeschwanz zusammen gefasst, sachlich und fachlich nichts wissenswertes zu berichten wusste, hatte ich Zeit diskret auf meinem Smartphone zu recherchieren. Ha, da hatte ich es: Die Crux! Erstaunlich, wie oft er diese Formulierung für angebracht hielt.

Nur noch drei mal bemühte er die lateinische Floskel, dann verkündete er strahlend: „Rauchpause!“

 

Nun fröne ich zwar nicht dem Laster des Rauchens, aber dennoch ging ich mit den anderen hinaus auf eine Dachterrasse. Ich um frische Luft zu atmen, einige um ihren Nikotinspiegel zu sanieren und Kraft für zwei weitere Stunden Seminar also ungefähr 24 mal „Crux“ zu tanken. Schön: Eine neue Zeitrechnung: Ein Seminartag = 96 Crux.

 

So stand ich also, mich auf die Brüstung stützend da und mein Blick folgte jener Frau, die den Parkplatz überquerte, als er neben mich trat und mir stolz von seiner Eroberung berichtete.

„Ah“ sagte ich fragend, „Alleinerziehend?“ „Ja“ berichtete er, nachdem er den Rauch tief inhaliert hatte, “das ist die Crux, voll meine Zielgruppe. Alleinerziehende sind so schnell flach zu legen...........das weißt du doch auch, oder?“

Erstaunt über das kumpelhafte „Du“ stammelte ich: „Nein, äh, mir ist, der Zusammenhang nicht ganz klar...“ Er meinte: “Schau, die haben doch alle die Paranoia, dass sie keinen mehr abkriegen, wegen der Plagen.“ „Der was?“ unterbrach ich. „Na wegen der Kinder.“ erklärte er, „Den ist doch klar, dass sich kein gescheiter Mann so was antut und sich solche Nervensägen ins Haus holt.“

„Ah“ bemerkte ich, ganz so, als könnte ich ihm folgen und ahnte schon, dies sei nun die Crux, als er fortfuhr: „Du machst also ganz so, als wärst du der Kinderfreund schlechthin, sagst ihr du bist ja gaaaanz anders als die anderen Männer, geht dir ja gar nicht um Sex, sagst du. Du willst Familie. Sag ihr sie ist genau die Richtige, weil sie seelenverwandt mit dir ist.........dann liegt sie schon.....“ Eigentlich glaubte ich mein etwas außer Kontrolle geratener Gesichtsausdruck würde ihn von weiteren Ausführungen abhalten, aber er hatte noch nicht abgeschlossen: „Schau nur, dass du die Kurve schnell kriegst, wenn du fertig bist, denn abgesehen von dieser Sache sind Alleinerziehende voll anstrengend, das ist die Crux!“ Na, da hatten wir es doch!

 

Wieder im Saal sitzend fiel es mir noch schwerer, seinem wenig konsistenten Vortrag zu folgen. Seine Geschichte in der Rauchpause gab mir einige Fragen auf:

 

Meint der das wirklich ernst?

Warum legt er sich zu einem Menschen, den er doch offenbar verachtet?

Warum erzählt er das mir, einem Fremden?

 

Als alleinerziehender Vater stellte ich mir natürlich auch die Frage, warum Frauen ein solches Denken fremd ist.

 

Ist es doch.

 

Oder?