Lichtenbergs Musik

 

Was man über Polen so sagt, darf man ja nicht zu 100% für Ernst nehmen, alles übertrieben, aber wie wollen die Kinder das finanziell schaffen? Wenn ich raus krieg, dass sie die 260€ mit ihm vertelefoniert hat, raste ich aus.

Mann wo ist nur diese SD-Karte, die Lichtenberg mir geliehen hat, er nervt, weil er das Ding zurück haben möchte.

 

Was ist das? Plötzlich verspüre ich einen heftigen Schmerz, vom Herz ausgehend zieht er in den Hals. Ein Infarkt! Wieso strahlt das nicht in den Arm aus – so wie im Lehrbuch? „Der Infarkt ist ein Chamäleon“ sagte mir Professor Hennersdorf, vor einer Ewigkeit, als das eigene Herz noch kein Thema war. Ich streckte meine Wirbelsäule, machte schlangenartige Bewegungen, der Schmerz blieb.

Und nun? Was kommt jetzt? Werde ich sterben, oder ist das nur Angina Pectoris? Ich kenne mich nicht aus, vor zwei Jahren war mein Herz noch tadellos. Werde ich bewusstlos?

Wie komme ich nun ins Krankenhaus? Oder ist es sowieso zu spät? Blamiere ich mich wenn nichts ist? Andererseits, jetzt kann ich noch telefonieren, aber wenn ich bewusstlos werde......

Das Telefon klingelt. Das ist bestimmt Hannes, ja, jetzt ruft er an, wo ich in diesem Zustand bin. Da kann ich nicht dran gehen. Obwohl, wenn ich mit ihm rede und dann bewusstlos werde, kann er den Rettungswagen rufen und ich muss nicht hier auf dem Boden liegend verenden. Aber wie soll ich es ihm erklären?

„Hallo?...“ fragte ich. „Ich bin´s, Lichtenberg! Wie geht es mein Bester?“ „Den Umständen entsprechend.“ ließ ich mich vernehmen. Jetzt der, doch nicht Hannes, aber den kann ich ja gar nicht gebrauchen! „Mein Guter,“ hörte ich ihn sagen „Ich belästige Sie damit nur ungern, aber ich brauche dringend jene Karte, die ich Euch geliehen.“

Ich liege im Sterben und der hat nichts Besseres im Sinn als diese Karte. Monoton antwortete ich: „Ich kann sie augenblicklich nicht finden“ er hartnäckig: „Kann es sein, das dieses Ding im Regal rechts neben Euch, dort beim Metronom liegt?“ Das war zu viel! „Ich sterbe hier und Ihr nervt mit dieser albernen Karte, pfui!“ „Ooooh“ vernahm ich Lichtenberg, „Ich war mir Ihres unmittelbar bevorstehenden Todes nicht bewusst, woran, erlaubt mir meine Neugier, sterbt Ihr derzeit?“

Diese empathielose Frechheit brachte mich zur Raserei, dennoch bemühte ich mich um Sachlichkeit und berichtete ihm von meiner Krankheit. „Ah!“sagte die Stimme im Hörer, „dann ist es so, wie vor Jahresfrist, als Ihr an ein Leberleiden glaubend jene Internistin aufgesucht habt, die zwar eine recht gesunde, vom Alkohol leicht angefressene Leber diagnostizierte, aber dann selbst, nicht krankheitsbedingt sondern amourös verursacht, eine heftige Bettlägerigkeit entwickelte, die Euch nicht unangenehm war.“ Ich schäumte vor Wut, der Schmerz in meiner Brust schien unerträglich zu werden. „Jetzt ist es ernst, verspottet mich nicht im Angesicht des Todes!“ rief ich in den Hörer.

„Nun,“ sagte er ruhig „ich bräuchte diese Karte, dann lass ich Euch in Frieden dahinscheiden.“

Um endlich meine Ruhe zu haben drehte ich mich augenblicklich zu jenem Regal um, wo Lichtenberg seinen verfluchten Datenträger vermutete, als es verursacht durch die unsanfte Drehung zu einen heftigen Krachen in meiner oberen Wirbelsäule kam. Ich glaubte es hören zu können.

Tatsächlich lag jenes dunkelblaue Viereck dem Taktgeber zu Füssen und ich berichtete: „Jaaaa, Ihr habt Recht, da ist das Ding, kommt Ihr es holen?“ Sanft antwortete er: „Wenn Eure Agonie einen Besuch nicht unmöglich macht – gerne. Als Stadtmensch genieße ich es immer bei Euch auf dem Lande zu Gast zu sein, dort leb´ich auf, da werd´ ich gesund!“ Auch ohne diese ironischen Worte hätte ich bemerkt, dass jenes Geräusch in meinem Rücken dem Schmerz mit einem Mal ein Ende setzte, und ich schrie ins Telefon: „Warum dürft nur Ihr Stadtmenschen Neurosen haben? Warum sollen wir auf dem Land stets mit roten Bäckchen, kerngesund und ausgeglichen immer den fröhlichen Landmann geben? Ich will ausrasten dürfen, ich will Schaum vor dem Mund haben dürfen.“

„Hey, hey“ fiel er mir ins Wort, „schon gut, Du bist es, Du bist der Landneurotiker“

 

 

 

Die Kunst ist ein Ausweg bei sexuellen Problemen.

 

Sigmund Freud

(1856 - 1939)

 

 

 

Es gibt nämlich einen Rückweg von der Phantasie zur Realität, und das ist - die Kunst. Der Künstler ist im Ansatz auch ein Introvertierter, der es nicht weit zur Neurose hat.

 

Sigmund Freud.

 

Ich saß am Schreibtisch, blickte aus dem offenen Fenster. Der erste richtig warme Frühlingstag.

Links steigt eine Wiese steil zum Waldrand empor, in der Mitte, auf einer Art Terrasse lagen Schafe und käuten, blinzelnd in die tief stehende Sonne blickend, wieder.

Unten bei der Quelle veranstalteten zwitschernde Vögel ein lautes Spektakel beim Streit um den besten Badeplatz.

Gesten Abend hat das Kind, hat mir meine Tochter im Ernst eröffnet, sie möchte, nein, sie wird heiraten. Einen Kerl den ich nicht mal kenne. Einen Polen. Ich habe nichts gegen Polen, aber sie ist erst 24. Die Ehe ist, und da musste ich kräftig Lehrgeld zahlen, kein Experiment, kein Gesellschaftsspiel. Sie setzt mich unter Druck, mit ihrer Bitte dieser Verbindung meinen Segen zu erteilen. Einerseits konnte ich ihr noch nie etwas abschlagen, aber darf ich sie ihrem Unglück ausliefern?

Es ist schon nach fünf, am Samstag der Auftritt, Hannes wollte sich bis 18 Uhr melden, ob das mit den Mikrofonen geht, hat bis jetzt noch nicht angerufen. Warum muss er es immer bis zum Letzten ausreizen?

Ich darf nicht vergessen morgen das Geld für das Telefon zu überweisen, sonst stellen die das Ding ab. 260€, ich möchte wissen, wer die in zwei Monaten verprasst hat.