Lichtenbergs Musik

Nächtliche Begegnung

Für Ringelnatz, 7. Juli 1932

 

 

Wenn wir nächtlich uns begegnen,

sind wir uns so fern, so nah,

daß sich unsre Seelen segnen,

auch wenn mich dein Blick nicht sah.

 

lch saß hinter meinem Glase,

eingesargt in meinem Gram;

zärtlich deine Vogelnase

vom Liköre Abschied nahm.

 

Zwischen uns die fremden Säufer,

Dummheit, Weiber, Lärm und Rauch

die Verkauften und die Käufer,

und vielleicht ein Heiliger auch.

 

Keiner kann sich keinem geben,

Einsamkeit geht auf den Strich,

und man lebt sich um sein Leben.

So entschwandest du für mich.

 

Sachte fing es an zu regnen,

als ich traurig heimwärts kroch ...

Wenn wir nächtlich uns begegnen,

lieben wir uns schließlich doch.

 

Mit "Nächtliche Begegnung" vertont Lichtenberg nach "Der Mai ist zum kotzen" den zweiten Text von

Max Herrmann Neiße (1886-1941).