Lichtenbergs Musik

Lichtenberg meinte meine Ausrede, Sport generell als Freizeitbeschäftigung abzulehnen sei unhaltbar. Das hoch interessante Golfspiel sei der Beweis, dass man sich auch als vollkommen unbeweglicher Zeitgenosse sehr wohl einen sportlichen Anstrich geben könne und das unter Vermeidung unnötiger körperlicher Anstrengung. Dies zu beweisen lud er mich zu einem entsprechenden Event ein. Ein Bekannter Lichtenbergs, ein prominenter Hersteller von Konserven und gleichzeitig Vorsitzender des Verbandes dieser Branche veranstaltete ein Golfturnier, bei dem es zwar in erster Linie darum ging des Dosentycoons Kunden und Kollegen fröhlich zu stimmen, aber mein Freund nebst Anhang waren als Quotenintellektuelle eingeladen.

Der Gastgeber, der sich als Günther Gastolock vorstellte verfügte über einen gigantischen Umfang, sein unglaublich umfangreiches Sitzwerk bewies tatsächlich, dass sein Sport auch dem unsportlichsten eine Heimat geben kann.

Nun wurde auf die Neulinge Rücksicht genommen und man begann mit Übungen,

die den Abschlag trainieren sollten. Hier kam ein immenser Schläger zum Einsatz, obgleich der verwendete Ball ein ganz gewöhnlicher war. Es gelang mir auf Anhieb das kleine weiße Rund einschließlich diversem Grünzeug mindestens 20 Meter weit zu schlagen, wenngleich der fliegende Rasen meist nur kürzere Distanzen zurück legte.

Neben mir probierte eine Dame ebenfalls den Ball in Richtung Grün zu schlagen. Sie war zwar im Stande das Gras mindestens fünf Meter weit umzupflanzen, aber das Bällchen weigerte sich hartnäckig seinen Platz zu verlassen. Die langbeinige Blondine stellte sich als Jagoda vor. Die aus Polen stammende Dame mit den eingefallenen Augen war, seit sie sich die, auf die Lebensmittelindustrie spezialisierte Werbeagentur erheiratet hatte, Beraterin und Auftragnehmerin des jovialen Günthers und führte nebst Caddie ihren ungefähr doppelt so alten Gatten in einem Rollstuhl mit sich. Das nenne ich Sportsgeist! Dem offenbar senilen Anhang rann Speichel aus einem Mundwinkel und ich konnte nicht umhin mir das "Eheleben" des ungleichen Paares vorzustellen.

Auf ihre Frage, in welchem Verhältnis ich zu Günther stünde, wollte ich mich nicht gleich als mittelloser Künstler outen, so log ich: "Ach, er ist ein Freund aus alten Tagen..." Ich war noch auf der Suche nach einer Möglichkeit die Dame mit dem viel zu kurzen Röckchen ein wenig hinter das Licht zu führen, als mir der Golftrainer die Idee in Form einer Getränkedose zu Füßen stellte. Um dem neben mir stehenden Lichtenberg zu zeigen, wie er den Ball korrekt auf das Tee legt, so dass er nicht ständig vor dem Kontakt mit dem Schläger bereits herunter purzelt stellte er seinen Energydrink neben mir ab.

Frage-Idee-Antwort, das ist perfektes Timing! "Was machen sie beruflich?" fragte die Werbedame.

Ich deutete auf die Dose und sagte: "Ich mache Energie." Sie verstand gar nichts und fragte: "Kraftwerk?". Nein, noch hatte sie mich nicht als Musiker enttarnt, lediglich übersah sie meinen Wink auf jene Dose, deren Inhalt Energie und Erfolg verspricht und daher ein Vielfaches an Gewinn in die Kasse des Erzeugers spült, als vergleichbare Brause. "Nee," präzisierte ich, "Ich mache diese Drinks." Unglaublich! Jetzt, wo sie mich als Inhaber eines Energiebrause-Imperiums sah, war Jagoda wie verwandelt. Sie wich mir nicht von der Seite und lobte mein fulminantes Spiel, obgleich ich das Verhältnis zwischen geschlagenem Ball und mit geschlagenem Rasen nur unwesentlich zu verbessern in der Lage war.

Nun übten wir das zartere Putten und die Dame ließ keine Gelegenheit aus mir ihre, von ihr selbst unterstellten, körperlichen Vorzüge zu präsentieren. "Schauen Sie mal," rief sie mich, so wie in diesen Kreisen üblich siezend, mich jedoch beim Vornamen nennend, "Passt das so?" Sie wackelte, sich auf den Schlag vorbereitend heftig mit ihrem knöchrigen Hinterteil und an den zu reich gesegneten Günther denkend, stellte ich mal wieder fest wie ungerecht die Dinge auf der Welt verteilt sind. Trotz des massiven physischen Einsatzes rollte der Ball nur wenige Zentimeter und schaffte so nur ein Drittel der Strecke zum Loch. "Sie sind auf dem richtigen Weg, Jagoda, das ist nicht zu übersehen." lobte ich sie, ohne rot zu werden.

Nun wurde es auch für uns Ernst und wir schritten zum Abschlag. Auf zum ersten Loch: Par 4.

Nachdem sich meine Begleiterin in einem Bunker regelrecht fest gespielt hatte und nach zwölf Schlägen den Ball noch immer nicht aus dem Sand befreien konnte beschloss sie ihren teilnahmslosen Gatten, damit dieser nicht unnötig der Sonne ausgesetzt wäre, von einem Mitarbeiter abholen zu lassen. Telefonisch herbei gerufen, war dieser erstaunlich rasch zur Stelle und karrte den Alten, von dem ich noch keinen Laut vernommen hatte, in Richtung Ausgang.

Nun konnte sich die zurück gebliebene Dame ungestört ihrem geschäftlichen Fortkommen widmen.

Wenn man schon einen Brausekönig kennen lernt, muss man um ihn werben, um für ihn werben zu dürfen. Vorsorglich hatte ich mir vor der ersten "ernsten" Partie im Clubhaus einige Dosen dieses Getränks eingesteckt, dessen Hersteller ich nun vorgab zu sein. Nachdem die Werbedame die kleine weiße Kugel endlich wieder auf grünem Untergrund hatte, spendierte ich eine Dose des magischen Tranks und war über den unspektakulären Geschmack der Plörre verwundert. Sie lobte die Limo und stellte fest, dass egal wie viele dieser Produkte zukünftig auf den Markt kämen, dieses, mein Original, immer das beste bleiben würde.

Ein wenig Angst beschlich mich schon, wegen meines bösen Scherzes, aber es interessierte mich , wie tief sie in die Trickkiste griffe um diese Hormonbrause bewerben zu dürfen. Beim Rest des Spiels perfektionierte sie ihre Mischung aus Unterwürfigkeit und Selbstdarstellung, was einem Spagat gleich kam.

Der Trainer, der ihr zur Hilfe gekommen war wurde von ihr mit dem Kommentar weg geschickt, ich würde ihr schon das notwendige beibringen, in Anbetracht meiner Leistungen war dieser darüber verwundert, gehorchte jedoch kopfschüttelnd.

Aufgrund der hohen Schlagzahl mussten wir das ursprünglich auf neun Löcher angelegte Turnier nach dem dritten Loch wegen der herein brechenden Dunkelheit abbrechen und wanderten gemeinsam zum Clubhaus. Da tatsächlich, im Schutz der Dämmerung kam ihre Hand, um meine zu halten. Skrupellos ließ ich es geschehen, fand es spaßig nach dem protzigen Ehering zu tasten.

 

Es war noch relativ warm, so dass Günther beschloss, dass wir uns auf die Terrasse setzen. Jagoda ließ es sich erwartungsgemäß nicht nehmen, am gleichen Tisch wie ich zu sitzen. Neben mir saß Lichtenberg, ihm gegenüber Jagodas Mitarbeiter, der vordem den störenden Gatten entsorgte und der uns nun als Ksawery vorgestellt wurde. Der Lichtenbergsche Versuch mit dem jungen Mann in Kontakt zu treten scheiterte an der Sprachbarriere. Ksawery sprach nur polnisch, damit konnte sein Gegenüber nicht aufwarten. Jagoda lauschte andächtig, als ich dem perplexen Kellner erklärte, wie man einen richtigen "Stier" mixt, ein soeben spontan von mir ersonnener Aperitif aus "meiner" Brause, Wodka, Campari und Crémant de Bourgogne. Der arme verschwendete Schaumwein!

Nun wurde ein sehr leckerer Flammkuchen gereicht, während ich noch mit dem Stier kämpfte, es nutzte alles nichts, auf die Klappe und weg mit dem Zeug. Igitt! Nun war der Weg frei für einen hervorragenden Muscat d'Alsace, dessen kräftiger Geschmack dem herzhaften Flammkuchen Paroli bot. Mein Gegenüber bestellte sich natürlich noch einen "Stier". Ein Schelm, der böses dabei denkt.

Dann gab es ein außergewöhnliches Wildschweinragout, begleitet von hausgemachten Spaghetti alla chitarra und einem zwanzigjährigen Gigondas. Nicht völlig unerwartet bekam meine Wade nun Besuch vom entblößen Fuß jener Dame, die bereits den vierten Stier bändigte und die wohl der Meinung war, das brächte sie einem gut dotierten Auftrag näher. Ich hatte sie etwas vernachlässigt, da ich mit Lichtenberg über das Essen und den Wein plauderte. Günther, der die Zeit bis zum Käse nutzte um mit einigen seiner Gäste etwas zu plaudern sah ja nicht unter den Tisch und so zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich zu uns. Nachdem er sich von Lichtenberg und mir für das von ihm ausgewählte Menü und den Wein hat loben lassen, sprach er Jagoda an: "Na meine liebe, zieht es sie heute zu den Künstlern hin? Keine Lust auf neue Geschäfte? Na, muss auch mal sein, man kann nicht immer arbeiten." Während sich der Fuß meiner Werbeberaterin langsam zurück zog, ihr Gesicht einen angewiderten Ausdruck annahm, und sie ihren fünften Stier von sich weg schob ergänzte Günther auf mich deutend: "Er ist übrigens ein wirklich hervorragender Musiker, und ich denke, zusammen schaffen wir beide es, ihn heute Abend noch dazu zu bringen für uns zu spielen."

Jagodas ohnehin blasser Teint färbte sich ins bläulich-graue und ihre Augen machten den Anschein, als wollten sie nun vollständig einsinken. Nachdem sie mehrmals geräuschvoll und stakkatohaft ausgeatmet hatte stand sie ruckartig auf, nahm wortlos ihre Tasche und humpelte, da ihr Fuß noch nicht vollständig im Schuh angekommen war in Richtung Straße. Der irritiere Ksawery folgte ihr.

Günther, ebenfalls verwundert sagte nur: "Frauen!" und kehrte zu seinem Platz zurück.

Nachdem ich Lichtenberg meine kleine Schelmerei gebeichtet hatte meinte er lachend: "Verstehe einer diese Frau - wozu das alles, warum kiloweise Brei essen, um dann irgendwann zum Filetstück zu gelangen?". "Hey hey," unterbrach ich ihn, "So eine schlechte Partie wäre ich doch nicht für Madame gewesen, sieht man vom finanziellen ab...", "So meinte ich das auch nicht," erklärte Lichtenberg, "Der Brei stand nicht für euch, sondern für dieses ekelhafte Getränk, das sie in sich gegossen hat, pfui!", "Ja, es ist wirklich ekelerregend ... und berauschend." sagte ich.

Lichtenberg bestätigte lachend: "Sicherlich sehr berauschend, denn dass mein Bein zweimal Besuch vom Fuß der Geschäftsfrau hatte, ist sicherlich allein diesem Getränk geschuldet.